Zufällig überlebt II

Man sagt, dass der Schutzengel im Alter von etwa fünfzehn Jahren die ersten grauen Haare bekommt. Meiner war bestimmt schon mit dreizehn komplett grau. Mit fünfzehn zuckte sicher schon sein Auge und ich kann mir vorstellen, dass er da mit dem Trinken anfangen könnte. Irgendeine starke himmlische Ambrosia. Danke ihm, dass er nicht kündigte und mich nicht meinem Wind im Kopf völlig überließ.

Sportliche Figur, lange blonde Haare und große Busen …

Meine Periode bekam ich mit elf. Mit dreizehn hatte ich einen 18-jährigen Freund und große Chancen, schwanger zu werden. Gute Noten in der Schule und Perestroika-Chaos im Land bewahrten mich vollkommen vor elterliche Kontrolle.

Ich ging in der Nacht aus, in einer Stadt, wo täglich jemand abgeschossen, vergewaltigt oder beraubt wurde. Reiste seelenruhig per Autostopp, da ich kein Geld für Straßenverkehr hatte. Einmal stoppte ich sogar einen Schienenzug an einem verlassenen Bahnhof im Wald.

Ich fuhr nachts auf einem Motorrad ohne Helm mit einem Mann, der gerade aus dem Krieg in Afghanistan zurückgekehrt war. Ich trank mit meiner Freundin Wodka im Wald auf den nüchternen Magen bis zum völligen Blackout, kletterte mit Jungs auf verlassenen Baustellen und Kränen rum. Wer ist cooler? Wer wird über die dünne Kante eines unfertigen 15-stöckigen Gebäudes laufen und nicht herunterfallen? Einmal schrottete ich ein Kart, als ich zeigen wollte, wie toll und schnell ich auf dem Eis im Winter fahren kann.

Ich verliebte mich unzählige Male und unzählige Male wurde meine Beziehung in Staub zertrümmert. Ich weinte, dachte an einen Selbstmord und verliebte mich wieder. Einmal versuchte ich sogar zu heiraten und nach Amerika zu gehen, wobei ich einen Amerikaner mit einer Perücke und im Vorruhestand nach Hause brachte.

Knapp wurde es nur einmal. Als mein Schutzengel bestimmt schon im Saufkoma lag, traf ich auf der verlassenen Straße zum Bahnhof spät in der Nacht einen betrunkenen Kerl, der mit einem Messer in der Hand Geld von mir wollte. Von derjenigen, die ihre einzige Jeans schon zwei Jahre trug, Instant-Nudeln aß und mit einer gefälschten Bahnfahrkarte unterwegs war …

Ich weiß nicht, was er in meinem Blick las. Vielleicht den Amok eines Menschen, der den ganzen Tag in einem Labor verbracht hatte, um aus explosiven, stinkenden Verbindungen ein noch giftigeres, ekelhafteres Zeug zu synthetisieren – ohne Erfolg? Oder erreichte ihn der unbeschreibliche Geruch des Labors für organische Chemie? Oder wachte endlich mein Schutzengel auf? Der Junge wich entsetzt vor mir zurück und lief schnell weg. Ich glaube, er ist sogar ein bisschen nüchterner geworden.

Seien wir ehrlich, ich kann meinen Schutzengel ziemlich gut verstehen. Vielleicht brach er gerade vor Erschöpfung zusammen, als ich am Abend endlich das Universitätsgebäude verließ.

Nach ein paar Monaten Studium glich mein Arbeitskittel einem Sieb, durch das man Nudeln abseihen konnte, und musste durch einen neuen ersetzt werden.

Das Königswasser*, das ein Loch in den Boden durchbrennen konnte, war die harmloseste Substanz. Wir haben es zum Waschen der Laborutensilien benutzt. Die genuschelten Arbeitsschutzanweisungen verschliefen wir an den Vorlesungen. Das Selbsterhaltungsgefühl in unseren jungen Köpfen fehlte auch.

Meine Einführung in die Chemie im ersten Jahr begann mit kochender Säure in einem schmalen Reagenzglas, die überkochte und mir ins Auge schoss. Dank meines Geldmangels, der dazu führte, dass ich statt teurer Kontaktlinsen eine große hässliche Glasbrille hatte, wurde mein Sehvermögen nicht geschädigt. Es blieb nicht einmal eine Narbe zurück.

Radiochemie, organische Chemie … Andere hatten weniger Glück.

Im dritten Jahr fehlten uns bereits zwei Studenten. Einer hat unglücklicherweise sein Sandwich während eines Experiments im Labor gegessen. Einige Tage später fand man ihn im Badezimmer im Studentenwohnheim, erstickt an seinem eigenen Erbrochenem wegen chemischer Vergiftung. Ein anderer junger Mann, gesund und munter, füllte ein Vier-Liter-Glas Äther in kleinere Flaschen, aber hatte dabei übersehen, dass die Laborheizplatte eingeschaltet war. Die Hand geriet ins Schwanken, die Flasche rutschte heraus und zerbrach. Und dann gab es kein Labor mehr. Mit hundertprozentiger Lungenverbrennung und schweren Hautverbrennungen kämpfte er noch einige Tage auf der Intensivstation um sein Leben, bevor er sich ergab. Seinen Vorgesetzten, der sich im Nebenzimmer befand und ebenso auf der Intensivstation landete, konnten die Ärzte noch retten.

Ich habe die am wenigsten gefährliche Richtung gewählt – Festkörperchemie. Im fünften Jahr backte ich meine Feststoffe bei einer Temperatur von mehr als tausend Grad mit fast bloßen Händen und bereitete Lösungen für ihre Untersuchung aus Flusssäure vor. Die Flusssäure, die mit einem Tropfen auf der Haut die Hand durchbrennen konnte und in der verdünnten Form über die Haut ins Blut aufgenommen werden und schwere irreversible Vergiftungen verursachen konnte. Ohne Atemschutzmaske, ohne Schutzbrille, manchmal sogar ohne Handschuhe.

Schutzengel, vergib mir.

* Das Königswasser ist ein Gemisch aus konzentrierter Salzsäure und konzentrierter Salpetersäure im Verhältnis 3 zu 1. Rauchende, erstickend riechende Flüssigkeit. Ätzend, giftig.

Foto: pixabay.com

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