Zeit

Mein Opa hat es mir gegeben. Glänzend mit hörbarem Ticken. Das Gehäuse aus Stahl, der Deckel aus Silber. Die Taschenuhr hat mich zu einem Erwachsenen gemacht. Die kleine Tasche in der Jeans hatte endlich einen Zweck. 

Die Uhr kam aus Russland. Opa gehörte zum finnisch-sowjetischen Freundschaftsklub und hatte sie auf einer der Freundschaftsreisen gekauft. Die Kette war dünn, sogar lächerlich im Vergleich zu der kunstvoll geschnitzten Feuervogeldekoration auf der Vorderseite.

Es kann sein, dass ich mich über die unbefriedigende Kette etwas beschwert hatte, da ich an meinem nächsten Geburtstag eine dicke Silberkette von Oma bekam. Sie hatte die Kette selbst aus Silberringen gebastelt.

Die Taschenuhr läuft immer noch. Ihr Ticken ist leicht zu hören. Das Stahlgehäuse glänzt im Licht, der Deckel und die Kette sind elegant patiniert. Der Feuervogel leuchtet auf der Vorderseite. Für die Taschenuhr vergeht die Zeit.

Meine Oma hat es mir gegeben. Aus Holz geschnitzt. Etwa 30 Zentimeter hoch. Ein Bär, der sich mit seinen Vorderpfoten an einen Felsblock lehnt. Im Boden steht K.H., die Initialen des Herstellers, und -47, in dem der Bär geschnitzt wurde.

Er ist braun und sieht freundlich aus. Er ist weich zu streicheln. Er hat Kraft, leise und unerschütterliche Kraft, die durch den Kontakt in mich fließt. Die Kraft fühlte ich sofort, als ich ihn zum ersten Mal sah und berührte. Ich mochte ihn sehr und wollte ihn haben.

Ich glaube, erst als ich es laut sagte, gab Oma ihn mir. Sie schrieb mit einem Stift in den Boden meinen Namen und “15-9-79 von Oma”. Später stellte sich heraus, dass es vernünftig war. Nach ihrem Tod wollte mein Onkel den Bären auch, aber die Urkunde zeigte eindeutig, dass der Bär mir gehörte.

Jetzt steht der Bär in der Ecke im Zimmer und schaut mich an. Er ist vielleicht vertrocknet und hat neue Risse, die unzähligen Liebkosungen haben den Rücken verfärbt. 

Aber der Bär ist hier, in diesem Moment beteiligt. 

Mein Opa hat es mir gegeben. Kurz vor seinem Tod. Aus Papier, dunkle Farben, abgestandener Geruch. Dieses Bündel Rubel hatte er von seiner ersten Reise in die Sowjetunion mitgebracht. Die Reise war während des Krieges, keine Freundschaftsreise. 

Papiergeld faszinierte mich. Ich hatte eine Sammlung aus aller Welt mit freundlicher Hilfe von meiner Tante in der Bank gesammelt. Italienische Lira, Deutsche Mark, französische Franc. Ich hatte seit Kurzem eine 100 Mark Banknote aus der DDR. Einige Touristen hatten damit ihre Einkäufe bezahlt in dem Laden meiner Mutter. Die Note war praktisch wertlos, aber für mich sehr kostbar. Eine Rarität. 

Die Rubel waren immerhin die Krone meiner Sammlung. Die Krone, die Geheimnisse trug. Opa würde nie sagen, wie er sie bekommen hatte. Sie waren die Krone, die Gefahr andeutete. Die Krone aus der Sowjetunion mit einem Loch in der Mitte.

Ein Einschussloch.

Für die Rubel bleibt die Zeit stehen.

Foto: Aattu Haara 

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