Zufällig überlebt I

Ich beobachte meine Tochter, wie sie ihren Fahrradhelm anzieht und denke an meine Kindheit.

Ich bin in Sankt-Petersburg, Russland aufgewachsen. Über den Helm damals wusste ich nichts. Für Kinder gab es überhaupt keine Schoner in UdSSR. Mit aufgeschürften Knien von Ende Mai bis September lenkte ich glücklich mein zwei Nummern größeres Fahrrad durch die Gegend: auf den Straßen, durch den Wald, über den dünnen, holprigen Weg im tiefen Moor, entlang der Zugschienen. Mal allein, mal mit Freunden. Die Eltern auf der Arbeit, die Oma mit meiner kleinen Schwester zu Hause. Ohne GPS-Trecker, ohne Handy. Es gab noch kein Handy. Festnetz gab es schon, aber nicht auf der Datscha, wie auch Notarzt oder Apotheke. Der Zug in die Stadt fuhr viermal am Tag.

“Viel Spaß in der Schule!”

Ich schließe die Tür hinter meiner Tochter und freue mich mal wieder, dass wir endlich umgezogen sind. Noch vor einem Jahr musste ich sie zur Schule bringen, da der Weg nicht kinderfreundlich war.

Als ich acht war … nahm mich meine Mutter auf ihre Geschäftsreise mit, weil ich oft krank war und frische Luft brauchte. Der Kaukasus, 2070 Meter über Meeresspiegel. Das größte Teleskop der Welt. Einmal durfte ich sogar rein. Der riesige Spiegel, der einer Blume ähnelte. Gigantische Konstruktion über ihm und ein schwarzer Zylinder unter dem dünnen Strich des Nachthimmels in der runden Kuppel.

Meine Mutter arbeitete in der Nacht und schlief am Tag. Ich war auf mich allein gestellt, inmitten unberührter Natur. Die Berglandschaft wurde nur durch das Hotel, ein paar Nebengebäuden und ein glitzerndes Teleskop in der Ferne gestört. Ich spazierte durch die Umgebung, sonnte mich auf dem klebrigen Hoteldach, kletterte den steinigen Hang rauf und runter, um mir dort im Wald ein Haus aus Zweigen zu bauen …

Meine Mutter pflegte immer zu sagen, dass ich schon erwachsen geboren war. Und vertraute mir vollkommen. Besonders, wenn es ums Schwimmen ging, da ich seit 6 Jahren im Leistungsschwimmen war. Ich durfte mich im Sturm am Schwarzen Meer in den riesigen Wellen wälzen lassen, in jeder Pfütze allein schwimmen.

Ab und zu war es knapp. Manchmal fast zu knapp …

Mit sieben ging ich in einem Bach am See mit nicht geflochtenen Haare schwimmen, die mir den Mund und die Nase komplett zuklebten. Vor Panik versuchte ich zurück zum Ufer zu schwimmen. Aber anstatt den festen Boden erreichte ich das Schilfdickicht auf der anderen Seite. Ich weiß nicht mehr, wie ich mich damals rettete, erinnere mich nur, dass ich sehr froh war, dass meine Mutter das nicht bemerkt hatte.

Mit acht wetteten meine Eltern zum Spaß mit mir, dass sie schneller schwimmen können als ich. Die wilde Küste des Schwarzen Meeres. Wir sind allein am Strand. Meine Mutter schwimmt etwas besser als mein Papa, der nur mit einem Hilfebrett schwimmen kann. Eins, zwei, drei, los! Als ich die Augen aufmachte und mich umdrehte, fand ich mich im offenen Meer wieder. Meine Eltern waren nicht mehr erkennbar. Es war ein Wunder, dass mir der neue Adrenalinschub reichte, um zurückzuschwimmen, da meine Beine und Arme noch vorher vor Anstrengung schon taub waren.

Beim dritten Mal war ich selber schuld. 10 Jahre. Ich bin cool. Ich kann besser schwimmen und springen als jeder andere am See. Ich sprang rückwärts vom Ponton. Als ich auftauchen und Luft holen wollte, stieß ich mit dem Kopf an den Pontonboden. Noch einmal und noch ein Stoß. Als mir schon fast schwarz vor Augen wurde, konnte ich endlich einatmen. Ich lag zwischen den Wurzeln im Torf voller Blutsauger auf der anderen Seite. Aber es war mir egal.

Viel später, mit siebzehn war ich an einem grauen Herbstmorgen dabei, als unsere Jungs aus dem Tauchklub in eine riesige Müllpfütze tauchten. Verlassene Gegend zwischen Industriegebieten. Zwei Leichen, 8 und 10 Jahre alt, selbst gebasteltes Floß daneben. Polizei und zwei Krankenwagen. Der müde Arzt spritzt der Mutter, die schon eine gute Stunde ununterbrochen schreit und mit dem Kopf auf den Boden schlägt, ein Beruhigungsmittel. Die Jungs versuchen den Matsch und die Algen von der Ausrüstung wegzuputzen. Ich friere und denke an meine Kindheit.

Foto: pixabay.com

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