Das Radfahren

Ich sitze stolz auf meinem neuen blauen Fahrrad.
Das Fahrrad hat eine blaue Klingel und einen Gepäckträger. Ich bin aber erst neun, habe kein Gepäck, also fahre ich meistens meine Schwester. Nachdem ich auf flachem Weg schon gut fahren kann, möchte mir mein Vater beibringen, wie ich mit dem Pedalen bremsen kann. Nicht weit von unserer Wohnung ist eine steile StraĂźe, wo wir auch im Winter gerne rodeln gehen. Vater erklärt mir, wie ich mit der RĂĽcktrittbremse anhalten kann. Ich nicke heftig, es scheint einfach zu sein. Mein Vater schickt mich hoch mit dem Fahrrad und er wartet auf mich unten. Ich winke ihm von oben zu und zeige mich mutig, aber ich fĂĽhle wie mein Herz in meinem Hals schlägt. Ich greife den Lenker, nehme einen tiefen Atem und fahre los. Ich schiebe mich an, der Weg ist so steil, dass ich kaum strampeln muss. Ich spĂĽre, wie der Wind immer stärker in mein Gesicht bläst, sehe wie die Häuser neben mir weghuschen und sich in bunte Flecken verwandeln. Ich bin schon bei der Hälfte des HĂĽgels, als ich sehe, dass mein Vater mit beiden Händen winkt und mir zuschreit: „Bremsen, Vivi! Bremsen!“ Ich schaue zu meinen Beinen hinunter. Sie schweben in der Luft wie zwei Strohmänner. Ich will in die Pedale treten, aber meine Beine folgen mir nicht. Ich versuche sie zu kontrollieren, während die Pedale sich wie von selbst immer schneller drehen. Mir bleibt nur eine Hoffnung: ich setze meine FĂĽĂźe auf den Weg, um mich zu verlangsamen. Der Asphalt brennt meine FĂĽĂźe, als ob ich barfuĂź auf Feuer laufen wĂĽrde. Ich sehe, wie mein Vater, der immer größer wird, links und rechts herum springt, als ob er mich fangen wollte. Mir gelingt es, das Fahrrad ein wenig zu verlangsamen, ich schaffe es fast, es zu kontrollieren, als aus dem Nichts ein groĂźer Stein auf meinem Weg auftaucht. Das Fahrrad kippt um, ich fliege nach vorne und lande mit der rechten Seite meines Gesichtes auf dem Asphalt. Mein Vater läuft zu mir, hebt mich auf und wir radeln mit seinem Fahrrad zum Arzt. Mein Gesicht blutet, ich brĂĽlle, und drĂĽcke ein Taschentuch auf die Wunde. Der Arzt wäscht mein Gesicht mit einem stark riechenden Tuch ab und tut Wundpuder darauf. Als wir zu Hause ankommen, bleibe ich schockiert vor dem Spiegel stehen. Die Wunde fĂĽhrt aus meinem rechten Nasenloch bis an die Ohren und bedeckt mein ganzes Gesicht. Ein plötzlicher Blitz reiĂźt mich aus diesem Zustand. Als ich nach links schaue, erblicke ich meinen Vater, der lächelnd mit einer Polaroid Kamera dasteht. Er meint, diesen Moment mussten wir verewigen. „Wir werden bestimmt noch viel darĂĽber lachen“, meint er, und ĂĽberreicht mir das Foto. Das Foto liegt mit den anderen Erinnerungen schon seit dreiĂźig Jahren in der Kommodenschublade.

In der Schublade, die ich nie öffne.

Foto: www.pixabay.com

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