Lichter meines Lebens IV.

Ein Licht Anzünder

„Heute werde ich den Text , ein Regenschirm‘ von Jenny lesen“, teilte Herr Zhao, mein Chinesischlehrer, mit. Er räusperte sich leise und las meinen Text vor. Ich war rot im Gesicht, weil ich das nicht gewohnt war. „Das ist ein schöner Text, Warum? Weil das Gefühl authentisch ist. Es gibt auch andere wunderschöne Texte über die Liebe für unser Land. Trotzdem finde ich solch einen Text über das echte Leben nachvollziehbarer und bewegender“, ergänzte er. Ab dem Tag wählte er nahezu jedes Mal meine Texte aus, über Winterjasmine, über das Lössplateau, über den Ausflug, auf dem ich von Wespen gestochen worden war. 

Herr Zhao war ein kleiner Mann. Er trug jeden Tag eine untadelige tiefblaue Jacke. Unter seinen dichten schwarzen Augenbrauen glänzten seine ausdrucksvollen Augen in einer tiefen Sympathie und reiner Neugier. Nach dem Unterricht sprach er selten mit den anderen Lehrern. Er hetzte zu seinem Büro oder nach Hause, Rücken gerade, Kopf ein bisschen geneigt und Blicke fünf Schritte voraus. Im Unterricht war er geduldig, genau und scharf in der Beobachtung. Wenn wir ihn enttäuschten, brauchte er kein Wort zu sprechen.  Wir konnten das in seinen Augen lesen. 

Ich war damals keine gute Schülerin und las Romane im Unterricht. Meine Noten, außer in Englisch und Chinesisch, waren so schlecht, dass meine Eltern sich Sorgen um mich machten.  Eines Tages als ich zur Strafe das Fenster des Klassenzimmers putzte, eine Strafe, da ich einen Roman im Chemieunterricht gelesen hatte, kam er zu mir. „Du schreibst wunderschön. Was liest du denn?“, fragte er mich. „Ich lese alles. Jetzt lese ich San Maos Buch „ ein weinendes Kamel“. Im Urlaub lese ich die Bücher von Victor Hugo, Roman Roland und Jane Austen“, antwortete ich. „Das ist gut. Mach weiter. Du wirst eine wunderbare und besondere Schülerin werden. Weißt du das? Aber lies weiter. Das Lesen ist das Leben oder das Leben ist das Lesen“, nickte er nachdenkend und eilte weg. Ich saß auf dem Fenster, starrte auf seinen Rücken, bis er verschwand. Seine Wörter spornte mich an, ihm zu beweisen, dass ich eine gute Schülerin werden konnte. Am Ende des Semesters stiegen meine durchschnittlichen Noten auf den dritten Platz in der Klasse. „Ich bin stolz auf dich und das ist eine unglaubliche Leistung“, führte er mit mir ein Gespräch vor allen, begeisterter als ich und zufrieden. 

Für ein Mädchen in der Pubertät zündete er ein Licht an, in meiner kleinen und empfindlichen Welt. 

Foto: www.pixabay.com

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