Der Weihnachtsbaum aus Cebu

Alle Jahre wieder steht der Weihnachtsbaum auf einem Beistelltisch in der Ecke am Fenster in unserem Wohnzimmer. Wir schmücken den Baum mit zwei Farben: Weiß und Gold.  In der Baumkrone steckt ein Engel, der betet. Sein langes goldenes Haar und seine Flügel aus Ramie* blitzen schon im Tagesanbruch. Ein roter Christbaumrock mit Stickerei in Grün und Gold verdeckt den Baumständer. Im Dunkeln spiegeln sich die auf die Zweige gewickelten Lichter, wie viele blinkende Sternchen, in den Fensterscheiben wider. Die Glasscheibe wirft die Strahlen in den Baum zurück. Die Sterne aus dünnen Muschelschalen, die fliegenden Engelchen in Weiß, die Schneemännchen aus weißem Häkelgarn und die Glaskugeln funkeln im Strahlen. Im Dunkel der Winternacht glüht Geborgenheit des Zusammenseins in unserem Haus. Von dieser Schönheit bin ich wie betäubt. Sie erinnert mich an meine Entdeckung, an mein erstes Weihnachten auf den Philippinen.

Als ich den Engel in einem Geschäft sah, konnte ich nicht weitergehen. Er war exquisit. Acht Zentimeter hoch, glänzte er in goldenem Schimmer. Sein Kopf aus einer goldenen Perle, der Oberkörper aus einem Kristallkügelchen, seine Taille aus sechs silbernen Blütenblättern. Er stand auf seinem langen und breiten Rock, der von zahlreichen, auf Draht gefädelten Kristallperlen gestützt wurde, seine Arme ausstreckend, als ob er einen Wiener Walzer tanzte. Seine Flügel hinter den Armen flatterten leicht, wenn ich ihn an seiner goldenen Schnur in die Luft hob. 

„Madame, das ist ein wunderschönes Stück für Ihren Weihnachtsbaum“, sagte eine tiefe und raue Stimme. Vor mir stand eine riesige Frau, vielleicht 1.80 Meter groß, kräftig, in einem untadeligen weißen Anzug. Eine Kette aus großen schwarzen Perlen vervollständigte ihr Ensemble. 

„Madame, das ist unsere Eigentümerin. Sie spricht besser Englisch als ich“, erklärte die circa 1.50 Meter große Verkäuferin respektvoll. Neben dieser dunkelhäutigen Verkäuferin war die Frau auffällig weiß. Sie hatte ein eckiges Kinn. Ihre dunkelblonden, leicht gewellten Haare waren bis zum Ohrläppchen geschnitten. Ihre weit auseinanderstehenden Augen kamen mir bekannt vor. Sie hielt den Schmuck unter das Licht. „Schauen Sie mal, unter dem Lichtschein ist er lebendig, wie ein Engel aus dem Himmel. Das ist reine Handarbeit.“

Eigentlich wollte ich zwei davon kaufen, aber es gab leider nur einen. Sie gab mir ihre Visitenkarte und sagte, dass ich sie in einer Woche anrufen sollte. Auf der Karte war ihr Name „Madame Lorita Abotiz“. Das war auch der Familienname meiner Nachbarin. Sie war die Tante meiner Nachbarin, Piji.

Piji kam aus einer großen, reichen und alten Familie in Cebu. Die Familie hatte Wurzeln im Baskenland. Wir wohnten gegenüber voneinander in der Penthause-Etage und hatten sofort Freundschaft miteinander geschlossen. Sie lud uns regelmäßig zum Abendessen bei ihr zu Hause ein. Während eines Abendessens erwähnte ich diese Begegnung mit ihrer Tante. Sie war sofort begeistert, „Tante Lorita, sie ist berühmt.  Sie trägt das Herz auf der Zunge.“ Erzählte sie mir weiter.

„An einem Sonntagmorgen ist Tante Lorita in die Kirche gegangen. Nachdem der Priester eine Predigt gehalten hatte, begann er über Politik zu sprechen. Nach einer Weile stand meine Tante auf und unterbrach ihn. Sie sagte laut und klar, dass er nicht über Politik in einem Gotteshaus predigen dürfe. Sein politischer Standpunkt gehöre nicht in die Kirche, sondern in sein Zuhause. Zuerst verstummten die Leute, dann applaudierten sie ihr. Am nächsten Tag habe ich die ganze Geschichte in der Zeitung gelesen.“

„Deine Tante ist mutig und hat Recht“, sagte ich. In diesem Land war die Kirche mächtig. Das hatte ich schon bei meinem Ankommen gewusst.

„Ja, genau. Die katholische Kirche hierzulande macht mein Land schlechter.  Abtreibung ist verboten. Die Armen haben zehn Kinder oder mehr. Zudem mischt sie sich in die Politik ein. Als Ferdinand Markos Präsident war, war das Land reich und berühmt für seine Bildung, obwohl er korrupt war.  Aber er hatte das Land unter Kontrolle. Die Kirche hatte eine Rolle in seinem Absturz gespielt. Jetzt ist fast jeder Beamte korrupt. Ich weiß nicht mehr, ob Demokratie gut oder schlecht für das Land ist“, seufzte Piji.

„Trotzdem macht meine Tante Lorita viele gute Sachen. Sie hat ein großes Haus und hilft den obdachlosen Frauen, die von ihren Männern missbraucht wurden oder einfach zu arm sind, ein eigenes Dach zu haben. Du musst ihr Haus besuchen. Die Frauen produzieren wahnsinnig schöne Sachen. Ich habe viele als Geschenk gekauft“, teilte mir Piji mit.

So kam ich zu den Schneemännchen und der Baumdecke. Das Wetter im Winter war herrlich, sonnig, trocken und erfrischend.  In diesem alten Haus hantierten meistens Frauen auf einem großen Tisch im Garten, während sie Musik hörten und mitsummten. Eine Frau führte mich zu einem Ausstellungsraum. Der Schneemann, der auf einem Zwerg hing, zog mich sofort an. Der zehn Zentimeter hohe Schneemann bestand aus zwei Kugeln in weißem Häkeldeckchen, einem großen als Bauch und einem kleinen als Kopf. Er trug eine Spitzenhaube und wickelte sich einen winzigen Schal um den Hals, beides aus weißem Häkelgarn. 

Die Frau erklärte mir, „Madame Lorita hat uns beigebracht, nützlich zu sein. Jetzt finanzieren wir uns durch den Verkauf.“ Als sie mir den Weihnachtbaumrock zeigte, war ich erstaunt über seine Pracht. Auf der dunkelroten Decke waren grüne Tannenzapfen in unscharfen Schneeflöckchen, goldene Glocken, tiefgrüne Mistelzweige mit weißen Früchten gestrickt. Zum Schluss wurde sie noch mit einem Saum aus goldenem Häkelgarn versehen. „Wunderschön, wie viele Tage mussten Sie daran arbeiten?“, fragte ich sie. „Drei Frauen, 14 Tagen. Deswegen haben wir nur ein Stück hergestellt“, antwortete sie. Als ich für 30 Schneemännchen und die wunderschöne Decke nur 20 US-Dollar zahlte, fühlte ich mich schuldig. 

Am Abend hängte ich meine neue Kollektion in den Baum. Ich legte den Weihnachtsbaumrock auf den Baumständer auf, band die roten Schleifen und machte die Druckknöpfe zu. Mein Mann stellte die Lichter an. Wir staunten vom Glanz in unserer leeren Wohnung. Meine Töchter legten alle Geschenke unter den Baum.  Das war unser erstes Weihnachten in kurzen Hosen in einem fremden Land.

Danach reiste unser Weihnachtsbaum und alles Drum und Dran mit uns zusammen, nach Dschidda, nach Abu Dhabi, nach Kairo, am Ende nach München in Deutschland. Im Funkeln meines Weihnachtsbaums sehe ich Tante Lorita, Piji und die singenden Frauen an der Arbeit. In meinem Herzen blüht ein Paradiesvogel. Ich rieche Zitronengras, höre ein Ukulele ein Weihnachtslied spielen, schmecke Ananas und sehe den Lalapu Fisch im Tiefblau verschwinden. Dann bete ich für sie und schicke ihr meine Liebe in einem fliegenden Stern hinüber.

*Ramie: eine Naturfaser, die fein, langfaserig ist und einen schönen, sanften Glanz hat. Sie hat ähnliche Eigenschaften wie Leinen,

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