Die Geige

Nach einem Streit mit seinem Schwiegervater nahm mein Großvater seine Familie und ein paar Dinge mit und beschloss, den SĂŒden des Landes zu erkunden. Er suchte nach unbeanspruchtem Land, am Ende der Welt, um es zu bebauen.

Er war ein großer Mann, weiß mit glasigen Augen, den ich nie mehr als einen Satz auf einmal sprechen hörte.

Gewöhnlich nickte er mit dem Kopf und mit einem Grunzen drĂŒckte er UnglĂ€ubigkeit aus. Zum Beispiel, wenn er wĂ€hrend einer Tanznacht in den örtlichen Saloon hineinschaute. Er sagte, dieser Ort sei der Hölle am Ă€hnlichsten, von allen, die er jemals gesehen habe.

Ich sah seine Geige vielleicht zweimal in meinem Leben. Ich hörte meine Tanten Geschichten darĂŒber erzĂ€hlen, wie mein Großvater seit seiner Jugend Geige gespielt hatte, hauptsĂ€chlich zur Unterhaltung bei Festen und Familienfeiern. Irgendwann hatte er plötzlich entschieden, sie nie wieder zu spielen.

Ihr Koffer war wie ein toter Sarg. Er war aus braunem Leder, hundert Jahre alt, voller Flecken und mit unzĂ€hligen Geschichten, die es zu erzĂ€hlen gab. Er hatte zwei Metallschnallen an einer Seite, die verrostet waren, fast geschmolzen.

Niemand im Haus wollte ĂŒber die Geige sprechen oder ihn bitten wieder zu spielen. Dieses Instrument verbarg Schmerzen und schwierige Erinnerungen, die niemand wieder ans Licht bringen mochte. Diese Kiste war eine reuige Seele, die Geheimnisse aus einem Schrank herausschrie.

Einmal sah ich, wie er die Geige putzte. Mit einem weißen Tuch entfernte er vorsichtig den Staub von jedem Holzteil und justierte die vier Wirbel. Er fing an, seinen Kopf in einem Rhythmus zu bewegen und ich konnte sehen, wie sofort Tausend Erinnerungen zu ihm zurĂŒckkamen.

Ich konnte ihn mir sofort vorstellen, in einem alten Saloon, in seiner kleinen Stadt mitten in den Bergen. Er spielte eine lebhafte Melodie und die Leute tanzten und amĂŒsierten sich. Mein Opa bewegte seine Schultern mit einem riesigen LĂ€cheln und sein Gesicht war rot, wegen eines Schluckes eines illegalen Likörs, den er vor fĂŒnf Minuten getrunken hatte.

Aber der Mann, an den ich gewöhnt war, war ein anderer. Ein Mann mit tiefer Traurigkeit in den Augen, Raucher und Alkoholiker. Er vermied es, Schuhe zu tragen; er hasste sie. Er ging im Haus und draußen auf dem Feld ohne Schuhe. Ich erinnere mich an ihn, wie er das verwilderte Gras mit seiner Machete mĂ€hte, die KĂŒhe fĂŒtterte und melkte, barfuß.

Mit der Zeit wurde die Haut seiner Fußsohle immer dicker und dicker. Er konnte ohne Schmerzen auf dem Steinweg vor dem Haus gehen. Die einzige Gelegenheit, Schuhe zu tragen, bestand darin, in die örtliche Taverne zu gehen, wo meine Onkel ihn oft völlig betrunken fanden und ihn fast bewusstlos nach Hause trugen.

Die Geige war fĂŒr meinen Großvater eine schmerzhafte Erinnerung an ein Leben, das er hastig hinter sich gelassen hatte, ohne Zeit fĂŒr Abschiede oder Comebacks. Auch ein neues Leben, das er gestalten sollte, inmitten von Kaffeeplantagen, Armut, Ochsen, Karren, Kerzenlichtern, Schmuggelware aus Likör, zehn Kindern und einer tiefen Trauer. Eine stille Trauer, die zu einer akzeptierten Trauer fĂŒhrte.

Ich sah ihn lĂ€cheln. Das tat er mehr in seinen letzten Lebensjahren, in denen er sich eher wie ein Schatten drehte und barfuß zwischen den HĂŒgeln, dem Gras und dem Wald lief.

Er lĂ€chelte, aber er tat es immer mit einer Art Verlegenheit; wie ein SchuldgefĂŒhl, um wieder ein leichtes GlĂŒcksgefĂŒhl zu spĂŒren.

Foto: pixabay.com

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