Den Tod spüren

Ich war alleine. Um sieben Uhr abends waren fast alle meine Radiokollegen weg. Nur war ich noch beschäftigt mit den letzten Details einer Nachricht über eine neue Behandlungsmethode, die unser Hauptkrankenhaus für Zwillinge hatte, die vor ihrer Geburt operiert werden mussten.

Meine Chefin rief mich an. Sofort sollte ich über einen Notfall berichten. Meine Zeitungskollegen waren schon im Auto und warteten auf mich; auf mich, die Gesundheitsreporterin, die immer über Notfälle zu berichten vermied.

Im Auto konnte ich die ersten Informationen über die Situation bekommen. Wir fuhren an die Atlantikküste. Der Notfall war auf einer Straße passiert, die bekannt für ihre Gefährlichkeit war. Sie war eng, blieb immer nass, rutschig und hatte einen Tunnel, der von jedem starken Regen durch einen Erdrutsch blockiert war.

Die Opfer waren der bekannteste Fußballspieler Costa Ricas und seine Frau. Er spielte bei einem niederländischen Fußballclub, Aalborg BK. Er war im Urlaub gewesen und in diesem Moment zurück in die Hauptstadt gefahren, wo er seine Eltern besuchen wollte. Er war erst 25 Jahre alt. Seine Frau 23.

Er war mit seinem Auto auf einem zweispurigen Teil der Straße gefahren, auf der einem normalerweise viele LKWs begegnen, mit tonnenweise Ananas und Bananen beladen. Eine dieser zwei Fahrspuren war für die LKWs vorgesehen.

Der Spieler war auf dieser Fahrspur unterwegs gewesen, als ein LKW, ein Geisterfahrer, ihm plötzlich entgegengekommen war und mit ihm tödlich und gnadenlos kollidierte. Er war sofort tot.

Wir kamen an diesen Ort. Da waren ich, meine zwei Kollegen, ein Rettungsteam vom Roten Kreuz und zwei Körper; seiner auf der Straße und ihrer noch in dem Auto, das unter den Lkw gepresst war.  Ich konnte nur ihre lockigen Haare und ihre rosa Bluse sehen. Kein Gesicht, nur ihre Schulter bedeckt mit Blut; dieses lebhafte Blut, frisch, das in wenigen Minuten die Adern verlässt.

Er war mit einem weißen Betttuch bedeckt. Ich konnte seinen Körper durch den Raum zwischen der Straße und dem Rettungswagen sehen.

Durch den Aufschlag wurde er vom Auto auf die Straße katapultiert. Das Blut war aus seinem Kopfes ausgetreten und hatte ein Spinnennetz auf dem Betttuch hinterlassen. Es waren auch Spuren seines Gehirns auf der Straße.

Es ist unmöglich zu verstehen, wie diese Person vor 20 Minuten noch lebendig sein konnte. Dieser Mensch, der plötzlich nur aus Fleischstücken und Hirnstamm bestand.

Die Bilder sind in meinem Kopf eingeprägt. Ein grotesker Notfall zwischen zwei Stücken tropischen Waldes. Die unebene Straße, die mich zu fangen schien; der nasse Asphalt und der erstickende Dampf, der wegen der plötzlichen Temperaturveränderung von der Oberfläche aufstieg.

Da war ein Schweigen, das meine Ohren verschloss. Eine absolute Stille, aber gleichzeitig ein intensiver Schmerz, der tief in meiner Brust drückte. Der Luft drang nicht in meine Lungen. Ich war fast paralysiert.

Da war eine Anwesenheit, die ich fühlen konnte, wie wenn jemand einen Raum betritt und lässt die Spuren seines Duftes zurück. Eine unsichtbare Restenergie, die die Luft verdickte. Der Tod war dort durchgegangen.

Ich sollte mich von der Realität distanzieren, damit ich endlich ein paar Interviews schaffen würde: ein Mann des Rettungsteams und ein Zeuge. 

„Vielversprechender Fußballnationalspieler und seine Frau starben bei tragischem Unfall“, meldeten die Nachrichten am nächsten Tag.

Foto: pixabay.com

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