Die Oma, der Opa

Ich frage mich oft, ob sie glĂŒcklich sind. Meine Großeltern. An Streit erinnere ich mich gut. Oder, es gibt keinen Streit. Es ist Oma, die immer schreit, und Opa sitzt still, isst seinen Teller leer, und geht heraus. Nur ein oder zweimal sehe ich ihn zu Oma etwas erwidern. Genervt, aber nicht verĂ€rgert. Und immer geht er weg, nach draußen, zu seinem SĂ€gewerk. Dort gibt es stĂ€ndig etwas zu tun. Und so lĂ€sst er den Sturm sich beruhigen.

Sie schlafen nicht zusammen. Oma schlĂ€ft im Schlafzimmer. Doppelbett, allein. Opa an dem ganzen anderen Ende des Hauses, im Umkleideraum der Sauna. Bettsofa, faltbar. So weit wie möglich voneinander entfernt. Oma sagt, es ist so, weil Opa schnarcht. Er sagt nichts, hat nur sein bezeichnendes LĂ€cheln. Das LĂ€cheln, das sagt, dass er nicht unbedingt zustimmt, aber auch keinen Streitpunkt setzen will. 

Sie lieben einander. Das glaube ich. 

Vor dem Ruhestand arbeitet Oma in einem Laden. In den Mittagspausen bereitet sie das Mittagessen fĂŒr Opa und seine zufĂ€lligen Arbeiter. Im Sommer geht die ganze Operation in den Wald, wo er und ein Dutzend Arbeiter die BaumstĂ€mme in Bretter verwandeln. Hunderte von BĂ€umen werden tausende von Brettern. Ein Dutzend hungrige MĂ€nner, jeden Tag und jeden Abend. Oma nimmt ihren Urlaub, um alle tĂ€glich zu fĂŒttern.

FĂŒr mich und meine Eltern macht Oma Abendessen. Jedes Wochenende. Ich erinnere mich an sĂ€mige Butterkartoffeln, Eintopf mit gemischten Fleischsorten, Ofenlachs in Sahne. Und immer Torte zum Nachtisch. Wir sitzen um den Tisch und essen, ich, Mutter, Vater und Opa. Oma sitzt neben dem Herd auf einem hohen Hocker. Sie sitzt dort und isst. Zusammen mit uns, aber getrennt und alles unter ihrem Blick.

Im Ruhestand hat sie keine Ruhe. Sie muss nicht mehr im Laden arbeiten, aber weil Opa an Pensionierung nicht mal denken will, lĂ€uft die Kantine wie frĂŒher. Jedoch macht es ihr nichts aus. Sie weiß, dass ohne sie nichts lĂ€uft. Sie ist die Königin, und sie herrscht ĂŒber ihr Reich.

Dann stirbt Opa.

Es war zu erwarten, sagt Oma, und alles wird in Ordnung fĂŒr sie sein. Sie hat ihre Hobbys und die Gemeinde, die sie stĂŒtzt. Traurig, aber das Leben geht weiter, sagt sie.

Zwei Tage nach der Beerdigung klingelt das Telefon. Oma ist in Panik. Etwas Schreckliches ist passiert. Mutter muss sofort dorthin. Der Herd brennt. Keine Zeit zu verschwenden.

Mutter eilt zu Oma. Alles ist in Ordnung, nur Oma ist bestĂŒrzt. Eine Woche vor seinem Tod kaufte Opa einen neuen Herd, mit Glaskeramikkochfeldern. Die Felder werden rot wenn sie aufheizen. Sie versteht das, aber will den Herd nicht mehr benutzen. Dann fĂ€ngt Oma langsam zu sterben an.

Ich weiß, dass Oma und Opa einander liebten. Und auch glĂŒcklich waren. Auf ihre eigene Art. Sie waren ĂŒber 50 Jahre zusammen, sie wachsen miteinander. Ich weiß das, weil wenn der Erste weggeht, die Andere sogleich folgt.

Foto: Unsplash

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