Der Winter

Es begann zu schneien, als ich das Haus meines Onkels verließ. Die Schneeflocken wehten unter den Straßenlampen.  Ich sah kaum Menschen.  Kein Bus ist gekommen.  Zu Fuß musste ich nach Hause.  Zwei Stunden oder mehr?  Ein kleines Auto bremste neben mir mit einem lauten Schrei.  „Darf ich Sie nach Hause bringen?“, fragte mich der Fahrer. 

Dieser Moment erinnert mich an das Stück „Winter” von Vivaldi.  In vielen sternlosen Winternächten sah ich das Feuer in der kleinen Gefälligkeit von Freunden und Fremden.  In der Dunkelheit leuchtete das Licht des Winters.  Das Stück, ein Teil von Vivaldis Violinkonzerten „Die vier Jahreszeiten“, hat drei Sätze.  „Winter“ ist für mich die Hoffnung, die Ruhe, der starke Wille und die Seele des Lebens.

Der Violinist nickt dem Dirigenten und dem Orchester zu.  „Dong, Dong, Dong und Dong …“  spielen sie alle dissonantes Staccato.  Jeder Schlag ist stark, kurz und drängend, wie fallende Perlen auf einem Teller aus Jade.  Kälte kriecht wie eine Schlange in meinen Körper.  Ich höre die Zähne klappern vor Kälte.  Es kracht der Schnee von jeden Tritten.  Die Bäume rütteln den Schnee aus den nackten Zweigen.  Eiszapfen glitzern im Mondschein, fallen und zerbrechen auf dem Eis.  Ein hoher Ton webt in der Luft. Der Mond am Himmel wandert kalt und kahl.  In der Stille pfeift der Wind rau und grau. Ich sehe einen Mann unterwegs im Sturm.  Der Hauch seines Atems erwärmt seine erstarrten Hände. Durch Wind und Schnee kehrt er nach Hause. Mit seinem Schatten geht er allein.  Müde ist sein Schritt und dürr sein Schatten.  Weiter geht er stumm und stur.

Mit einem langen Streicheln und Vibrato wechselt der Violinist das Tempo.  Sein entspanntes Gesicht glänzt mit einem Lächeln.  Sein Bogen ist kein Bogen mehr.  Ein Zauberstab zieht mich an. In der tiefen Seele regt er in mir die Sonne. Ein singender Fluss fließt in mein Herz. Rein wird meine trockene Seele.  Ein roter Winterjasmin blüht in der Wüste des Schnees.  In seinem Duft versöhne ich mich mit meinem Schicksal.  Ich sehe den Mann vor dem Kamin sitzen.  Das Feuer knistert.  Ein würziges Aroma durchzieht das Haus.  Liebe füllt jede Ecke.  Draußen fallen die Schneeflocken – und so dicht.  Er träumt von einer Welt, die er nicht kennt. In einer langen Pause träumen das Orchester und ich mit.  Zufrieden sinken wir unter unseren Bettdecken.  In diesem Moment spricht das Schweigen tausend Worte.

Der Violinist weckt uns mit einem lauten Schrei.  Seine Bogen ist ein Schwert.  Der Wasserfall rauscht und ein Pferd trottet. Es ist wieder Morgen.  Die Sonne bricht aus den Wolken.  Kinder spielen, lachen in roten Mützen.  Auf dem gefrorenen See walzt ein Mädchen. Wie Isadora Duncan besitzt sie eine anzündende Seele.  Freiheit existiert in der Unfreiheit. Unter dem blauen Himmel tanzen die Schatten der Bäume und ich mit.  Der Solospieler endet die letzte Note in einem Knacken.  Kristallartig vibriert das Echo in der Luft.  Melancholie gehört nicht zum Winter. 

„Winter“ zeigt mir den Weg aus der Finsternis.  In der sogenannten harten Realität vergesse ich, wer ich bin.  Vivaldi bricht das Eis in meinem Herzen, strahlend bricht die Sonne durch. Ich bin wieder ein Kind.  Soll ich auch das Feuer an einem kalten Tag sein? 

Foto: www.pixabay.com

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