Der Beginn

Es klingelt an der TĂŒr. 

Ich erinnere mich an seine sĂŒĂŸen Lippen, die immer ein LĂ€cheln an sich hatten. Ich öffne die TĂŒr, und da steht er. Er lĂ€chelt nicht. Er nickt, und sagt:

„Hier bin ich jetzt. Danke, dass ich bei dir bleiben kann.“

Seine Augen tragen TrÀnen.

Er studiert in der nĂ€chsten Stadt, an der Uni. Im zweiten Jahr. Ab und zu habe ich ihn dort getroffen, bei einem Kaffee. Seine Eltern habe ich auf meinen Reisen kennengelernt. Wir haben gemeinsame Freunde. Die Leute sind wirklich nett. Echte Freunde. Wieso weiß ich das? Denn sie blieben meine Freunde nach meiner Verwandlung.

„NatĂŒrlich, du bist immer willkommen. Ich freue mich, dass du hier bist.“

Er nickt wieder, sagt nichts. Ich habe das Teewasser gekocht. Er ist pĂŒnktlich. Gestern Abend hat er mir eine Nachricht geschickt, dass nicht alles gut bei ihm ist. Ich habe ihn natĂŒrlich sofort angerufen, und wir haben beschlossen, dass das Beste ist, dass er zu mir komme. Er sollte nicht allein in der WG bleiben. Und die Eltern sind ja auf der anderen Seite der Welt.

Ich folge ihm in die KĂŒche, er dreht sich um und umarmt mich. Er legt seinen Kopf an meine Schulter. Ich kann sein schweres Atmen hören. Ich kann seinen warmen Atem fĂŒhlen. Ich umarme ihn auch. Seine HĂ€nde greifen meine Schulter. Er ist krĂ€ftig, fĂŒr so einen kleinen Mann.

“Mein Leben hier ist vorbei. Ich muss wohl zurĂŒck.”

Ich tĂ€tschele seinen RĂŒcken. Sage nichts. Noch nicht. Obwohl ihm jetzt alles dunkel erscheint, es wird besser. Ich weiß das. Ich stelle die Tassen, die Kuchen und den Tee auf den Tisch. Wir setzen uns. Ich schaue ihn an. Seine Arme bewegen sich elegant, als er seinen Teebeutel eintaucht. Er trinkt. Ich schaue genau hin, wie die FlĂŒssigkeit zwischen seine Lippen fließt. Er seufzt.

Er sagt etwas. Ich höre ihn nicht. Ich nicke und schlucke meinen Tee.

Ich möchte ihn schmecken, zwischen meinen Lippen wie den Tee. Ich möchte die Weichheit seiner Lippen fĂŒhlen, wie die SĂŒĂŸe des Kuchens. Ich möchte seine Zunge meine Haut erforschen, meinen Körper erobern lassen. 

Aber ich kann nicht. Jetzt kann ich nicht einen anderen Menschen unterstĂŒtzen. Ich kann nur möchten.

Ich mache ihm das Bett auf dem Sofa. Ich werde allein liegen. Mehr allein als frĂŒher. Die hoffnungslose Hoffnung fĂŒr einen Moment, einen anderen zu berĂŒhren, um nahe zu sein. Vergebens. Noch ein tieferer Graben der Einsamkeit.

Er schaut mich an. Er fragt mich.

Er lĂ€chelt. Er sieht mich. Du siehst mich. Unter dieser FlĂ€che, hinten diesem Etikett. In deinen Augen bin ich nicht weiß oder schwarz, nicht ein Mann oder eine Frau, nicht vorher oder nachher, nicht verwandelt oder unverĂ€ndert, nicht jung oder alt. In deinen Augen bin ich ich.

Er ist die erste Person, die mich das je gefragt hat. Ich antworte ihm. Er nickt.

“Na gut, jetzt weiß ich es. Gute Nacht.”

“Gute Nacht.”

Foto: pxhere.com

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