Meine erste Abaya

„Sehr geehrte Passagiere, wir fliegen schon über das Königreich Saudi-Arabien.  Ab jetzt dürfen wir Ihnen nach saudischem Gesetz keinen Alkohol mehr ausschenken“, kündigte die Flugbegleiterin der Qatar Airways an.  Ein Mann in einem grauen Anzug stand auf, nahm eine Tasche und ging auf die Toilette.  Es dauerte mehr als 20 Minuten bis er wieder auftauchte, eingehüllt in zwei weiße ungesäumte Tücher.  Barfuß in seinen Sandalen trug er eine Misbaha (Gebetskette) in der rechten Hand und die Tasche in der linken Hand.  Seine nackten Arme und Beine bekamen vor Kälte der Klimaanlage eine Gänsehaut.  Die Gebetsperlen in seinen Fingern rollend, starrte er auf irgendeine ferne imaginäre Göttin.  Irgendwie ist er dünner, reiner und spiritueller geworden.  „Er geht nach Mekka zum Haddsch (Pilgerfahrt)“, flüsterte mir mein Mann zu.

„Wir landen bald in Dschidda. Bitte Stellen Sie Ihre Stühle aufrecht!“, sagte die Flugbegleiterin wieder.  Eine Frau fing an, eine schwarze Robe und einen schwarzen Schal anzuziehen.  Eine Abaya nennen die Leute das.  Leider hatte ich keine in Cebu gefunden.  Meine Familie und ich flogen von Cebu auf den Philippinen nach Dschidda über Doha, weil mein Mann von der Firma nach Dschidda versetzt wurde.  In der Aufregung des Umzugs hatte ich das Buch über die Sitten und Gebräuche des Königreichs durchgeblättert: Frauen müssen in der Öffentlichkeit eine Abaya tragen und dürfen nicht Auto fahren. 

Als wir auf die Koffer warteten, schwärmten mir die meisten Männer in Weiß und Frauen in Schwarz entgegen. Verstreut standen ein Dutzend Polizisten in Beige, einige Gepäckträger (Personal, das Reisenden gegen Bezahlung das Gepäck trägt) in leichtem Blau und ein paar Männer in Jeans und T-Shirts.  Ich war die einzige Frau, die Jeans und Jacke trug.  Jedoch hatte eine Polizistin mich früher beruhigt: „Madame, machen Sie sich keine Sorgen.  Morgen können Sie eine schöne Abaya in der Stadt kaufen.“

Das Hotel lieh mir eine Abaya aus, die zum Frühstück  unverzichtbar war.  Sonst würde das Hotel von der Muttawi (die Religionspolizei) bestraft werden.  Dieser schwarze Mantel aus Polyester hing trüb im Kleiderschrank, wie ein Beerdigungskleid.

Als der erste Sonnenstrahl durch die Gardine in unser Zimmer hineinstreifte, präsentierte die Stadt ihre Schönheit und Pracht vor meinen Augen.  Ich stand auf dem Balkon. Das rote Meer rollten zu mir in verschiedenen Tönen von Blau.  Die Wellen küssten den Strand und Felsen mit lebendem Gesang und zerbrachen in tausend weiße Perlen. Eine salzige Brise wehte.  Am Strand war ein endloser Bürgersteig unter gigantischen Dattelpalmen.  In jedem Kreisverkehr sah ich kunstvolle Skulpturen mit orientalischen Motiven.  Beim Frühstück schwebten fünf junge Saudi Frauen ins Restaurant, leise kichernd.  Sie liefen an mir vorbei und  die Luft schwang ihre Abaya auf und ab, wie der Duft ihres Parfums. 

Nach dem Frühstück ging ich mit Mona meine erste Abaya shoppen.  Mona war eine lokale Kollegin meines Mannes und sprach fließend Englisch.  Ihre Abaya hatte zwei Taschen.  Die Ärmel öffneten sich am Ellenbogen wie Lotusblätter.  Kleine Blümlein in Rosa, Grün, Lila und Gelb waren auf den Ärmeln gestickt.  Ihr ovales Gesicht, ihre olive farbigen Augen, ihre sonnengeküsste Haut und ihre roten Lippen waren mit ihrer Abaya im Einklang.  Ihre langen Wimpern warfen leichte Schatten auf ihre Augen und ihren Augenunterlidern.  Tief in ihren Augen flackerte eine winzige Kerzenflamme im Schatten.  Ab und zu ließ sie ihr Kopftuch fallen und zeigte ihre kurz geschnittenen Haare, ein schlichter Sassoon Bob.

„Jenny, ich gehe mit dir zu meinem Lieblingsgeschäft.  Normalerweise kaufen die Ausländer die billigen Abaya im Supermarkt wie Carrefour.  Schrecklich steif und heiß unter der Hitze!  Eine Abaya ist aus leichtem Nida.  Deswegen ist die Abaya kühl im Sommer.  Meine Abaya ist der neueste Trend dieses Jahr“, strahlte Mona vor Stolz.  „Djiddah ist ein Schmelztiegel.  Wie haben Saudis aus Libanon, Syrien, Ägypten, Jordanien, Palästina, Jemen und China. Deswegen ist die Abaya bei uns international“, fügte sie hinzu.

Das Geschäft war weder groß noch klein.  Zahlreiche schwarze Roben hingen ordentlich an der Wand.  Manche waren für mich zu kitschig, zu viel Bling-Bling mit glänzendem Schmuck.  Ich wollte eine zeitlose und bescheidene Abaya.  Später würde ich in einem Compound  (ein umzäuntes Geländer mit Villas) wohnen, in dem es nicht notwendig ist sie zu tragen.  Meinen Wünsch übersetzte Mona dem Eigentümer des Shops ins Arabisch.  Dann brachte er drei Stücke raus.  Mona verliebte sich sofort in eines der Stücke.  Diese hatte Stickerei aus vielen unauffälligen, beigen Kreisen.  Hinzu kam ein Schal aus demselben Muster.  Leider hatte sie nur eine Tasche auf der rechten Seite.  Vor dem Spiegel stehend, erkannte ich mich nicht wieder.  Mein Spiegelbild zeigte eine schlanke und würdige arabische Frau.  Das Kopftuch hat meine Haare und meine Stirn ein bisschen versteckt.  Mein Gesicht wirkte runder.  Als ich herumlief, wehte meine Abaya in der Brise, als ob ich in Wolken flöge. Ich war Scheherazade von „Tausendundeiner Nacht“, die dem Kaiser magische Geschichten erzählte.  Ich war eine Heldin, die unterwegs mit Lawrence von Arabien in der Wüste reiste.

 „Jenny, das passt dir gut.  Ich werde auch eine für mich bestellen“, überzeugte mich Mona.  Ja, das war ein schönes Stück.  Ich bezahlte und habe sie natürlich sofort getragen.  Das war mein erster Schritt, mich der Kultur anzupassen.  Ich wusste nicht, wie lange ich hierbleiben würde.  Trotzdem wollte ich die Zeit genießen.

Eine Woche später sind wir in unser neues Haus im Compound eingezogen.  Die Abaya benutzte ich, wenn ich draußen war.  Einmal bin ich mit einer Freundin zu einem Beachklub gefahren.  Unter meiner Abaya trug ich ein ärmelloses Kleid, während meine Freundin bloß einen Bikini im Minimalismus unter ihrer Abaya versteckte. 

Einmal habe ich sie beim Fahrradfahren kaputt gemacht.  Meine Freundin, die in einem Haus außerhalb des Compounds wohnte, hatte mich zum Kaffee eingeladen.  Das Haus war zwar nicht weit, circa 500 Meter entfernt, aber ich musste an zwei Sicherheitsstellen vorbeilaufen.  Dazu kamen die Jersey Barrieren (die Betonschutzwände) und ein Panzer.  Bei 50 Grad entschloß ich mich, mit dem Fahrrad zu ihr zu fahren.  Frauen durften schließlich damals kein Auto fahren.  Doch Fahrrad könnten wir fahren, oder? 

An der ersten Tür der Kontrolle hielt mir der Mann den Daumen hoch.  Der trockene Wind aus der Wüste hob meine Robe auf.  Wie eine Krähe glitt ich im Zickzack  um die Barrieren.  Dann kam die letzte Kontrolle.  Die Soldaten schauten mir lachend zu.  Plötzlich konnte ich das Rad nicht drehen. „Patsch“!  Ich fiel hin, gerade neben dem Panzer.  Meine Abaya war in dem Tretlager eingeklemmt.  Der Soldat auf dem Panzer sprang herunter und half mir, das eingeklemmte Teil vom Fahrrad rauszuziehen.  Es war mir so peinlich, dass ich völlig nass geschwitzt war.  Endlich wurde meine Abaya befreit.  Der Stoff war zerrissen.  Er zuckte mit den Schultern, beide Hände ausbreitend, als ob er mir sage, „Tut mir leid, wie schade!“.  „Schukran, schukran!“ (Dankeschön), sagte ich und flüchtete vor ihm, meine Abaya an meiner Taille haltend.

Während meines Sommerurlaubs in Peking, habe ich die Abaya von einem alten Laden, der für die ehemalige Königfamilie arbeitete, reparieren lassen.  Die Verarbeitung war so genau und detailliert, dass ich keinen Riss finden konnte. 

Ein Jahr später habe ich Mona zufällig auf einer Party getroffen.  Sie hat ihre Abaya, die sie mit mir zusammengekauft hat, schon weggeworfen, denn sie war zu alt und außer Mode.  Meine war immer noch wie neu.  In ihren Fäden sind sowohl meine Abenteuer als auch meine Liebe zu diesem Land verwoben.

Foto: www.pixabay.com

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