Dachboden

Sind Sie schon mal umgezogen, nachdem Sie zehn Jahre lang in einem Haus gewohnt haben? Wenn ja, dann wissen Sie Bescheid.

Ich war damals gar nicht vorbereitet und freute mich wie ein Kind. Bis ich auf den Dachboden hochkletterte. Und fiel fast runter, als ich begriffen hatte, dass es jetzt meine Aufgabe war, den Dachboden in drei Monaten aufzur├Ąumen. Hundert Quadratmeter, voll gestopft mit allem m├Âglichen Kram: von alten Pampers, Wickeltisch, Kinderb├╝chern, Puzzles bis hin zu sechs Fahrr├Ądern, die in der Ecke aneinander gepresst standen, begraben unter mehreren S├Ącken mit alten Kleidern.

Ich st├Âhnte und stieg auf einen winzigen, freien Platz, der so gro├č war wie meine F├╝├če. Wo sollte ich nur anfangen? Ich trug runter, was am n├Ąchsten lag: eine Kinderschaukel, ein fast neues Laufrad und meine Reitsachen. Ob das jemand brauchen k├Ânnte?

Als ich alles vom Staub befreit und im Internet gepostet hatte, war der halbe Tag vorbei. Gott! Mit solchem Tempo w├╝rde ich drei Jahre brauchen, den ganzen Dachboden aufzur├Ąumen. Warum hatte ich nur das alles gesammelt?

Die n├Ąchsten drei Monate ├Ąhnelte unser Wohnzimmer einem Flohmarkt. Die Sachen lagen und hingen ├╝berall: auf dem Sofa, am Couchtisch, auf dem Fernseher, auf den Decken am Boden. Meine Tochter und die Katzen jagten selbstst├Ąndig im K├╝hlschrank und mein Mann hatte vergessen, wie ich aussehe, da ihre Mama und Frau s├Ąuberte, fotografierte, postete, antwortete, verkaufte oder voll geladen zum Spenden- oder Entsorgungszentrum fuhr. Manchmal merkten sie, dass ich noch existierte, wenn sie mein St├Âhnen h├Ârten.

Die Leute brachten mich immer mehr zum Staunen. Mal ehrlich. Warum brauchte keiner die wundersch├Ânen, teuren Pl├╝schtiere oder eine neue Kinderschaukel f├╝r ein paar Euro, aber immer war jemand bereit, viel Geld f├╝r ein billiges, kaputtes Fahrrad auszugeben? Warum bekam ich keine einzige Nachfrage f├╝r einen Hamsterk├Ąfig, aber daf├╝r ├╝ber f├╝nfzig E-Mails an einem Tag f├╝r einen kleinen K├╝ken-Inkubator? Sind die K├╝ken so viel popul├Ąrer im Haushalt als die Hamster?

Manche fanden es lustig, mich mit Fragen zu bombardieren: Ist dieses Kleid rosa mit wei├čen Streifen oder wei├č mit rosa Streifen? Wie viele Male haben sie es gewaschen? Passt es meiner Tochter, wenn sie etwas pummelig ist? Woher soll ich das wissen? Hat Ihre Tochter in der letzten Zeit sehr viel gegessen?

Die zwei W├Ârter zur Selbstabholung waren bestimmt auf Chinesisch geschrieben. Jeden Tag bekam ich Nachfragen: W├╝rden Sie ihren Kinderschrank zu uns nach Hamburg schicken? Ja, klar. Wollen Sie ihn auch montiert haben?

Das Beste von allem war nat├╝rlich das Gerede, wann man die Sachen abholen w├╝rde. Und je weniger Geld das Ding kostete, desto sicherer konnte man sein, dass ich auf ihn warten w├╝rde. Im Unterbewusstsein war mir klar, dass ich es mehr brauchte, die Sachen loszuwerden, als die anderen, es zu kaufen, und so wartete ich.

Die Zeit lief mir aber davon und auf einmal war mir bewusst, dass ich nicht alle alten Sachen vern├╝nftig loswerden kann. Schweren Herzens wollte ich alles zum M├╝ll fahren. Das einmal getragene, himmelblaue Prinzessinkleid, dass uns die Oma aus Russland mitgebracht hatte? Unsere erste schicke Winterjacke, aus der meine Tochter so schnell rausgewachsen war? Unsere ersten Kinderb├╝cher? Ich konnte es nicht ├╝ber mich bringen. Heimlich packte ich alle diese Sachen in Kartons. Und als wir umgezogen waren, stapelte ich sie seufzend im Keller. Vielleicht sp├Ąter…

├ťbrigens, braucht jemand M├Ądchenklamotten, Gr├Â├če 104 bis 164?

Foto: Maja Lilac

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