An der Piste

Ich legte mich auf den Bauch, krabbelte vorsichtig bis zum steilen Berghang und schaute nach unten.

„Dorthin soll ich fahren? Im Ernst? Auf gar keinen Fall.“

Ich sch├╝ttelte energisch den Kopf.

„Du wolltest doch auf die Spitze. Jetzt musst du runter.“ Mein Freund grinste und fuhr elegant ein gutes St├╝ck nach unten.

„Komm schon“, rief er und winkte.

Andere Skifahrer sausten an ihm mit Mordsgeschwindigkeit vorbei, bis sie in der Ferne verschwanden. Mir drehte sich der Magen um.

Eigentlich konnte ich Ski fahren. Das habe ich im letzten Jahr in Finnland gelernt, als ich meinen Papa an Weihnachten besucht habe. Auf der Kinderpiste mit Dreij├Ąhrigen rundherum und meiner Freundin an der Seite. Laajavuori hie├č der H├╝gel. Bis zum Ende des Tages konnte ich schon von ganz oben mit den anderen heruntersausen. Ich war so stolz auf mich: an einem Tag Skifahren zu lernen. Nicht schlecht, oder? Leider war es hier in den Alpen oben ganz etwas anderes.

Ich st├Âhnte und schaute ├╝ber meine Schulter zum rettenden Skilift, der weit ├╝ber mir brummte. Gott! So gerne w├╝rde ich jetzt zur├╝ck steigen und mit dem Lift nach unten fahren. Leider war das keine Option f├╝r mich. Nicht, weil das total peinlich und uncool w├Ąre. Nein. Es war unm├Âglich, weil ich diejenige war, f├╝r die alle an einem freien Tag um vier Uhr morgens aufgestanden waren. Ich war diejenige, f├╝r die alle so eine lange Strecke zur├╝ckgelegt und Stunden im Stau gestanden hatten. Und ich war diejenige, f├╝r die alle so viel Geld ausgegeben hatten. Nur um meinen Traum zu erf├╝llen, in den Alpen Ski zu fahren.

Ja, mein Freund hatte Recht. Jetzt musste ich nach unten. Ich schloss die Augen und schluckte. Als ich die Augen wieder ├Âffnete, war der Hang immer noch stinksteil und mein Freund winkte mir mit beiden H├Ąnden so heftig, dass ich das Gef├╝hl hatte, hier bald f├╝r immer allein gelassen zu werden.

Na sch├Ân. Langsam krabbelte ich bis zum Seitenrand der Piste und stellte meine zwei Skier senkrecht zum Berg. Wenn ich beten k├Ânnte, w├╝rde ich das vielleicht tun. Aber da ich kein einziges Gebet kannte, lie├č ich mich mit tief gebeugten Knien einfach los.

„Ah-ah-ah-ah…!“

Quer ├╝ber den Weg rutschte ich bis zur gegen├╝berliegenden Seite der Piste. Der Schneehaufen am Rand nahm mich in seine Umarmung und ich plumpste auf den Po.

„Puh! Das war aber…“

Gl├╝cklich angekommen, schaute ich nach oben. Jetzt befand ich mich einen guten Meter tiefer auf der Piste. Es blieben also nur noch 3999 Meter bis zum Tal. Ich steckte meine St├Âcke tief in den Schnee, hob die Beine und drehte mich zur anderen Seite. Dann stellte ich meine Skier wieder senkrecht zum Berg und lie├č mich los…

Drei Stunden sp├Ąter, als wir schon unten im Restaurant sa├čen und mit J├Ągermeister die K├Ârpertemperatur und Laune meines Freundes steigen lie├čen, l├Ąchelte ich ihn verlegen an:

„Noch eine Runde?“

Foto: Maja Lilac

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