Fenster

Die weißen Rahmen des Fensters glimmern in der Morgensonne. Vögel tanzen in der Luft, sie stürzen über dem glänzenden Wasser und tauchen ab und zu durch die Oberfläche. Der See ist reich an Fischen. Eine neugierige Möwe landet vor dem Fenster, tänzelt herum und blickt durch die staubige Glasscheibe. Sie sieht nur ihre eigene Spiegelung, beleuchtet vom Sonnenschein, der auch nicht durch die Scheibe strahlen kann.

Die Möwe spiegelt sich selbst von beiden Seiten, hüpft zufrieden herum, sie mag was sie sieht. Einmal springt sie höher mithilfe der Flügel und flattert auf den Rahmen. Dort kann sie besser alles überblicken, den funkelnden See, den heruntergekommenen Garten und das verfallene Haus. Was einmal eine Wand war, liegt jetzt auf dem Boden, zerbrochen und vergessen. Das Dach, das einmal das Haus schützte, ist seit langem zerlegt und Teile sind weggeflogen. Das Fenster unter der Möwe ist noch da, allein, mitten in den Trümmern, als Denkmal der Vergangenheit des Hauses.

Die Scheibe ist noch ganz. Abgesehen vom Staub widersteht das Glas noch dem Wetter. Die Rahmen sind noch immer weiß, obwohl die Farbe etwas abgenutzt aussieht. Das Fenster steht, als ob es noch ein Teil des Hauses wäre, als ob die Erinnerungen an die vergangene Zeit noch da wären, als ob die Familie noch da wohnte. Mutter, Vater, Sohn.

Den Sohn war es gewohnt am Fester zu sitzen, herauszuschauen und in Träumen zu reisen. Der See wurde ein Meer, die Ruderboote wurden Schiffe und die Möwen wurden Albatrosse. Er war kräftig, unabhängig und bereit die Welt zu erobern. Auf diesen Reisen konnte er nicht mehr hören, was im Haus los war. Es war nicht mehr nötig, die Ohren mit Händen zu bedecken, ängstlich zu sein. Sein Herz und Geist waren anderswo, nur der Körper musste dableiben, am Fenster.

Eines Tages, als der Vater von der Arbeit nach Hause kam, sagte er nichts, umarmte nur den Sohn. Sie standen bewegungslos, Arme umeinander, in der Stille. Der Sohn wusste, dass die Mutter im Krankenhaus war. Am Wochenende hatte sie einen Unfall gehabt. Sie war nachlässig die Treppe heraufgestiegen, und heruntergefallen. Zum Glück war der Vater da, und konnte ihr sofort helfen. 

Der Vater atmete tief ein. Der Sohn wollte die grauenhafte Ahnung von sich stoßen. Er wollte nur durch das Fenster schauen. Egal, was der Vater ihm zu sagen hatte, er wollte es nicht hören. Er wollte weg, er wollte nicht weinen. Der Vater umarmte ihn enger.

Der Vater sagte etwas. Der Sohn sagte nichts. In seinem Kopf wirbelte es, seine Beine wurden schlaff. Der Vater ließ ihn nicht fallen, sondern trug ihn ins Bett. Seine Stirn war heiß und feucht.

Zwei Wochen später zogen sie um. Das Haus war zu groß und zu alt für die zwei. Es gab immer etwas zu reparieren. Die Mutter war auch nicht mehr da, um sich um den Sohn am Nachmittag zu kümmern. In der Stadt fing der Sohn in einer neuen Schule an, fand neue Freunde. Er vermisste den Blick auf den See, aber bald wurden andere Sachen wichtiger und das Leben ging weiter.

Jahre werden Jahrzehnte und der Sohn wird ein Mann. Eines Tages stirbt der Vater. Nach der Beerdigung kommt der Mann zu dem Haus zurück. Den Vater hatte er dort ab und zu besucht, aber als das Dach herunterfiel, kam er nicht mehr. Diesmal ist es das letzte Mal. Er hat die Haustrümmer und den Garten verkauft.

Der Mann geht durch die Ruinen. Er schaut das Fenster an, sitzt auf einem Block, der ein Teil der Wand war. Er lächelt, traurig und erleichtert. Sein Blick über den See weckt die Traumreisen auf, er atmet tief ein und steht auf.

Er geht zu dem Fenster, nimmt es auf und wischt den Staub ab. In der windstillen Luft landet der Staub langsam auf den Boden. Mit dem Staub lässt er auch seinen Zorn gegen seinen Vater los. Er lässt die schlechten Erinnerungen und die unerfüllte Sehnsucht los. Er vergibt ihm.  

Der Mann geht mit dem Fenster zum Auto. Die Glasscheibe soll nie mehr staubig sein, verspricht er sich. Er wird das Fenster in seinen Pavillon einbauen. Dort werden sie zusammen am Fester sitzen, herausschauen und in Träumen reisen. Der Mann und sein Sohn.

Foto: Pxhere.com

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