Die „Neue Wohnung“

Ich denke an die „Neue Wohnung“. So nannte ich die Wohnung, in die ich als Kind eingezogen bin. War ich sechs oder sieben Jahre alt? Lebten wir da zu Zweit oder zu Dritt? Ich kann mich nicht mehr daran erinnern. Die „Neue Wohnung“ will vor mir versteckt bleiben. Sie will ihre Geheimnisse nicht aufdecken. Manchmal, wenn ich träume, gehe ich zu der Wohnung und klopfe an der Tür. Sie antwortet nicht. Sie will mich nicht reinlassen.

Ich versuche meine wenige Erinnerungen ins Leben zu rufen. Ich sehe mich als Kind in der Küche sitzen. Ich schaue aus dem Fenster. Am Himmel erscheinen schwarze Vögel. Sie formen sich zu einem ovalen Kreis, sie fliegen zusammen. Die Form bewegt sich wellenförmig, als ob sie ein Spielzeug des Windes wäre. Er wirft die schwarze Vögel-Formation wie einen leichten Ball herum. Jemand hat mir erzählt, dass die Vögel den Regen ahnen. Ich weiß nicht, von wem ich es weiß. Ich sehe keine Gesichter in der Neuen Wohnung, ich höre keine Stimme. Als ob ich hier alleine wohnen würde. Vor mir auf dem Tisch steht ein Teller mit Spinat. Ich kann nicht alleine sein, ich kann keinen Spinat kochen. Ich esse langsam, während ich meine Aufmerksamkeit ab und zu auf die schwarzen Vögel lenke.

Meine Erinnerungen an mein kleines Zimmer sind ziemlich blass. In der Ecke steht ein Weihnachtsbaum, unter dem liegen Geschenke. Ich greife nach einer langhaarigen Puppe. Sie trägt eine blaue Hose und einen blauen Pullover. Ich kann sie mit einem Knopf einschalten. Sie fängt an zu reden. Ich sehe den sich bewegenden Mund. Sie will mir etwas Wichtiges sagen, aber ich kann es nicht hören. Ich setze sie zurück unter den Baum.

Ich weiß, dass ich in diesem Zimmer das erste Mal davon träume, dass ich stürze. Der Aufschlag weckt mich auf. Ich zittere, aber bleibe still. Das war nur ein Traum. Ich stehe auf und gehe zur Zimmertür. Die Tür ist einen Spalt offen. Ich öffne sie mehr, um hinausschauen zu können. Aus meinem Zimmer sehe ich einen kleinen Teil des Wohnzimmers. Das ist das einzige Zimmer außer meinem. Das Licht ist an, jemand ist da. Ich sehe das Fernseherregal, der Fernseher ist aber aus. Ich habe schon mal diesen Fernseher eingeschaltet gesehen. Er spielte Musik. Habe ich auch getanzt, wie die Kinder, wenn sie Musik hören? Ich weiß es nicht mehr. Ich mache meine Tür zu.

Meine letzte Erinnerung von dieser Wohnung ist ein Polaroid Foto. Ich stehe im Flur, direkt vor der Eingangstür und trage einen hellrosa Anorak mit Stirnband. Ich bin vom Kopf bis zu den Füßen angekleidet. Wahrscheinlich gehe ich rodeln oder Schneeball spielen. Ich lächle auf dem Foto. War ich glücklich in meinem geheimnisvollen Zuhause?

Nach einer mir unbekannten Zeit ziehen wir aus. Ich sperre die Tür der „Neuen Wohnung“ ab. Sie redet nie mehr zu mir. 

Foto: www.pixabay.com

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