Um Hähnchen zu kaufen

Das Fleischregal des Ladens glühte vor Kühle, als ich in meinem T-Shirt eintrat. Vor mir lagen Schweinefilets harmonisch im Regal, wie Würstchen in einer Packung. Über ihnen schwebten Nierenstücke in ihren durchsichtigen Behältern in abstoßendem, dickem Blut ähnelndem Saft. Ich erinnerte mich lebhaft an einen Besuch bei Oma, als auf der Speisekarte Nieren standen und das ganze Haus nach Schweinepisse roch, sodass ich mich zweimal übergeben musste. Zuerst ohne Vorwarnung auf den Küchenboden, als Oma die Nieren zum Kochen brachte, und ein zweites Mal auf der Veranda, als ich wieder die Küche durchqueren musste, nachdem ich mein Gesicht gewaschen und versucht hatte, dem entsetzlichen Gestank zu entgehen. Ich starrte die Eingeweide in ihrer kühlen Flüssigkeit lange an, und spürte, wie die Magensäure in den Hals stieg, der Zunge entgegen.

Ein endlos langes Kühlregal. Hähnchenteile wollte ich kaufen, keine inneren Organe von Säugetieren. Eine hoffnungslose Aufgabe inmitten der Kadaverstücke, in sickernden Gewebeflüssigkeiten, die Körperteile gluckender Tiere zu finden. Der Händler hatte wohl gedacht, es sei eine gute Idee, zuerst mal auf alle Schilder und andere Navigationshilfen zu verzichten. Außerdem folgte dieser Shop in der Reihenfolge der Kühlregale einer eigenen Logik. Rinder- und Schweinefilets befanden sich in den angrenzenden Regalen, aber die Sortierung der inneren Organe erfolgte nach Tierarten. Und natürlich waren alle Teile von Schafen in einer Gruppe niedlich in der Mitte des Korridors platziert.

Ich verlor jede Hoffnung. Die Regale pressten ihre lebensmitteloptimierte Luft gegen meinen Oberkörper, der nur mit einem T-Shirt bedeckt war. Meine Bauchmuskeln zogen sich zusammen, um die Kühle zu bekämpfen, und meine Brustwarzen begannen wie bei einem Pornostar zu stehen. Ebenso die jungenhaften Haare meiner Arme, wie farbloser Flaum, nahm Haltung an, um dem Körper das Überleben in dieser eiskalten Hölle zu ermöglichen.

Ich trat mitten in den unendlichen Korridor, mit seinen kalten Regalen, um mir einen besseren Überblick zu verschaffen. Ich würde niemals gesund bleiben, wenn ich jede Produktgruppe einzeln durchgehen müsste. Es musste eine effektivere Lösung geben. Und ich musste mich beeilen. Ich ließ meinen Blick über das Kühlregal schweifen, in der Hoffnung, etwas Erkennbares und Nützliches zu sehen. Vor meinen Augen huschten ekelhafte, in Plastik gepackte Teile der ehemals fröhlichen Farmtiere vorbei. Sie waren in reißfestes Plastik, in durchsichtige Schachteln oder in schwarze verpackt. Es gab auch Versionen, bei denen diese verschiedenfarbigen Plastikschachteln noch mal in Pappe von mattem Braun und Grün eingepackt waren. Als ob mit einem modisch gefärbten Stück Pappe sich die Natürlichkeit und die Moral des Produkts in der Kunststoffverpackung erhöhen würde.

Ich stand in der Mitte des schwarz-roten Kaleidoskops und spürte wie mein Kopf zu schmerzen anfing. Erstes Symptom der Migräne. Jetzt aber schnell. Die Nierensuppen-Episode sollte sich hier vor dem Kühlregal nicht wiederholen. Zu den frühen Symptomen der Migräne gehört unkontrolliertes Erbrechen. Ich hatte fast alles durchgesehen. Panik erfasste mich. Ich würde nicht nur erfrieren, bei dieser unmöglichen Aufgabe, sondern auch hier festgefroren an meiner Kotze ersticken.

Kurz bevor ich aufgab, sah ich etwas Gelbes aus dem Augenwinkel. Ich stellte meinen Blick scharf und eine warme Welle der Erleichterung durchfuhr mich. Da waren sie. Hühnerprodukte in ihren gelben Plastikverpackungen. Alle zusammen in ihrem eigenen Fach, genauso wie Lammteile. Ich eilte zum Hühnerregal und schubste aus Versehen eine Oma, die hinkend ihren Einkaufswagen schob. Sie hatte sich darauf konzentriert, ein Stück Kuh im unteren Regal zu prüfen, und bemerkte meine Unhöflichkeit nicht einmal. Ich bremste bei den Hühnern und sah unbehaglich das ganze Fach durch. Marinierte Hähnchenschenkel, aber keine unmarinierten Versionen. Die Panik drohte wieder auszubrechen, aber zum Glück hob ich meinen Blick etwas höher.

Da waren sie. Verdammte Hühnerkeulen. Die Suche nach ihnen hatte mir Jugend und Gesundheit geraubt. Ich schnappte mir eine Plastikbox, überprüfte das Datum und tänzelte zur Kasse und dann in den auf mich draußen wartenden Sonnenschein mit seiner Hitze.

Foto: www.unsplash.com

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