Landschaft

Der Berg bleibt ruhig stehen. Aus der Distanz atmet er scheinbare Stille und Sicherheit. Keine Spur von den Feldern unzugänglicher Felsbrocken oder stechenden Mücken. Die Mitternachtssonne glänzt auf dem baumlosen Gipfel, der flüsternd den treuherzigen Wanderer lockt.

Der Berg ist nicht hoch, wie immer in Lappland. Am Berghang scheint der Pfad leicht, viele Leute sind auf ihm schon gegangen. Nach einigen Schritten ist das Hotel nicht mehr zu sehen. Die Fichten schaukeln über dem Weg und wünschen dem Wanderer gute Reise. Keine anderen Menschen sind zu sehen oder zu hören. Bald steigt der Pfad steil an. Fern wimmert etwas, das mit jedem Schritt aufdringliches und lauter wird. Der Berg zeigt sein wahres Wesen.

Unversehens ist der Pfad zerbrochen. Das Wasser fließt ungehindert. Ein Bach, wo ein Pfad war. Nicht tief, aber kalt. Die Füße des Wanderers sollten nicht nass werden. Das würde den ganzen Ausflug zunichte machen. 

Der Wanderer fühlt sich nicht mehr willkommen. Der Bach bläst ihm kalte Luftschichten entgegen, wie um zu sagen, dass er umkehren soll. Der Pfad ist verloren. Der Wanderer erwägt eine alternative Route. Es gibt nur eine, durch den Wald. Er atmet tief und tritt zwischen die Bäume in das Zwielicht. Genau, was der Berg wollte.

Die Mücken. Sofort fliegen die lästigen Stimmen ringsherum auf. Sie sind nicht sichtbar, der Wanderer fühlt die winzigen Flügel überall auf der unbedeckten Haut. Zuerst kitzelt es.

Die Stiche. Ohne Warnung attackieren die Mücken ihn wie kleine Kampfflugzeuge. Als die erste Blut leckt, folgen die andere erbarmungslos. Jeder Quadratzentimeter nackter Haut fühlt die Wut der fliegenden Teufel. Die Fichten und die Birken hindern den Wanderer daran, an sich zu schützen. Er kann seine Arme nicht heben, um die blutdürstigen Jäger zu vertreiben. Er schafft es, einige Blutsauger zu zerschlagen, aber sonst kann er nur weiter stolpern. Vielleicht bläst der Wind die Mücken weiter oben weg.

Die Felder aus Felsblock. Der Wald endet unerwartet. Die kleinen Flügel können sich nicht mehr in der frischen Luft halten. Einen Augenblick ist der Wanderer frei, bis sein nächster Tritt den Fuß gegen einen grauen Stein stößt. Er schaut auf, der Gipfel schimmert hinter dem grauen Feld von unzählbaren Felsblöcken, großen und kleinen.

Der Wanderer geht entschieden weiter. Seine Füße knicken um, seine Hände werden geritzt. Er kann nur kriechen und krabbeln. Die Steine bewegen sich unter ihm, als ob sie ihn fressen wollen.

Die Mitternachtssonne wartet auf ihn, als er mit blutigen Händen und Gesicht endlich den Gipfel erreicht. Er steht auf, schaut sich die Landschaft unter ihm an und lacht. Er hat es geschafft. Der Berg hat ihn akzeptiert.  

Foto: www.unsplash.com

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