Die Haare und der magische Ort, den man nie zwei Mal besuchen soll

Es war schon dunkel. Sie ging einen schmalen Kiesweg entlang. Eine leichte Brise vom Meer roch nach warmen Kieferharz und süßen Blumen. Seltene Straßenlaternen versteckten sich zwischen den mächtigen Palmen und führten sie hoch zu einem Berghotel, das sie mit seinen Lichtern und energischer Tanzmusik anzog.

Zu Hause würde man ihr nie erlauben, allein in der Nacht einen fremden Ort zu erkundigen, aber sie war mit ihrer Tante hier. Die Musik wurde immer lauter. Sie näherte sich einer Tanzfläche und musste blinzeln, als sie aus dem Schatten trat. Sie blieb am Rand stehen und betrachtete die Leute, die sich im Takt bewegten. Überraschenderweise waren hier zwischen den jungen Leuten auch viele alte Menschen. Eine Blonde, so Mitte vierzig im roten Kleid, eine noch ältere Dame mit einer komischen, unbewegten Frisur, die einer Perücke ähnelte. Zwei alten Herren in gebügelten Hosen, die neben den Damen hüpften und vor Freude lachten. Und direkt hinter ihnen kicherten zwei Mädchen ihres Alters und wedelten plump mit den Armen.

Es schienen hier alle Klischees gebrochen zu sein. Sie spürte die Freiheit, die von diesem magischen Ort strömte und sie beflügelte… Sie atmete tief ein und bemerkte einen Jungen in der Mitte der Tanzfläche. Seine langen braunen Locken tanzten wild ihren eigenen Tanz. Er war allein. Wie hypnotisiert beobachtete sie ihn. Aber die Musik rief nach ihr.

Sie machte einen kleinen Schritt, dann den zweiten und schon bewegte sich ihr Körper von allein. Ihr weißes Kleid leuchtete wie ein Stern. Sie tanzte näher und näher zu dem Jungen, bis ihre Blicke sich trafen. Sie lächelte ihn an. Er lächelte zurück. Und bald verschlingen sich ihre langen blonden Haare mit seinen braunen, um einen eigenen wilden Tanz zu tanzen.

Als sie wieder an den Ort zurückkehrte, war sie schon über zwanzig und verheiratet. Die Palmen waren zwar wie immer grün und das Meer blau. Aus dem Berghotel tönte wie immer die Musik. Nur die Magie, die sie in Erinnerung hatte, spürte sie nicht mehr. Und wie die Farben unter der Sonne verblasste langsam das Bild eines Jungen mit lockigen Haaren in ihrem Herzen.

Foto: www.pixabay.com

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