Mädchen mit langen Haaren

Jeden zweiten Monat geht sie mit ihrem Vater zum Friseur, bevor ihre Haare wieder zu lang werden. Vaters Freund, Dezső läuft mit seinen drei Zauberscheren zu ihr und mit einer leichten Bewegung setzt er sie in den Stuhl. Er nennt sie seine Lieblingskundin. Sie denkt, es ist einfach, diesen Titel zu verdienen, unter Dezső’s Kunden ist sie das einzige Mädchen.

Nach einer halben Stunde Scherenschläge kriegt sie den kleinen Kosmetikspiegel, um die fertige Frisur zu sehen. Als ob ihre Meinung wichtig wäre. Dezső dreht den Stuhl mit einer schneller Bewegung herum. Sie fühlt sich wie in einem Karussell eines Vergnügungsparks. Sie schaut sich im Spiegel an. Die ungefähr fünf cm großen Haare stehen nach oben. Obwohl das der aktuelle Trend sein sollte, fühlt sie sich trotzdem wie die Katze in Tom und Jerry nach einem Stromschlag. Sie hebt den Kosmetikspiegel höher und erblickt die zwei Männer, die mit breitem Lächeln hinter ihr stehen und wie die Models in der Zahnpastawerbung aussehen. Sie scheinen mit dem Meisterwerk zufrieden zu sein.

Wie immer fängt in der nächsten Woche die Turnstunde mit dem Rundlauf an. Ihre beste Freundin mit langen, hellbrauen Haaren läuft direkt vor ihr. Die Haare sind für den Unterricht zu einem Zopf geflochten. Der glänzende Zopf schwebt wie eine von Wind gewehte Seide nach links und rechts.

Diese wunderschöne Bewegung verzaubert sie. Sie läuft hinter dem hin und her bewegten Zopf her als ob sie von einem Pendel hypnotisiert würde. Der Zauber wirkt so stark, dass sie im nächsten Augenblick vergisst, dass sie kurze Haare hat. Und sie malt sich aus, dass sie selbst ein langhaariges Mädchen ist.

Sie stellt sich vor, dass sie mit einem schwebenden Zopf herumläuft, genauso wie ihre beste Freundin. Wenn Dezső es wüsste, würde er sie sicher nie mehr seine Lieblingskundin nennen und ihr Vater wäre so wütend, dass er kaum für eine Zahnpastawerbung engagiert werden würde.

Aber es stört sie nicht mehr, sie ist jetzt schon ein langhaariges Mädchen, und sie will dieses Gefühl nicht mehr loslassen. Zu Hause legt sie ein Badetuch auf ihren Kopf und tut so als ob das ihre Haare wären. Sie  geht in der Wohnung herum und lässt es in der Luft schwingen.

Eines Tages muss sie aber ihre Badetuchhaare schnell abnehmen, ihr Vater klingelt an der Tür. Er kommt sie abholen. Sie fahren ins Krankenhaus, damit sie ihre neue Halbschwester kennenlernt. Der Vater scheint vom Schicksal nicht verwöhnt zu sein, trotz all seiner Hoffnungen kriegt er wieder ein Mädchen. Sie geht näher und schaut das kleine Baby an. Es lächelt. Es weiß noch nicht, dass sie jeden zweiten Monat zu Dezső gehen muss.

Foto: www.pixabay.com

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